8. Januar 2020 – Kommunikation

Wann ist ein Text ein Text? –

Sieben Kriterien

 

Was macht einen Text aus? Was muss er erfüllen, um bei den Leserinnen und Lesern anzukommen? Wie muss er daherkommen, dass er verstanden wird und eine – beabsichtigte – Wirkung auslöst? Von einem theoretischen Modell ausgehend möchte ich so anschaulich wie möglich erläutern, an welchen Leitlinien sich Schreibende orientieren können.

 

 

Von der Theorie in die Praxis

Sprachlich Bewanderte unter Ihnen vielleicht und Linguisten ziemlich sicher kennen die Herren Robert-Alain de Beaugrande (1946–2008) und Wolfgang Ulrich Dressler (*1939). Die beiden österreichischen Sprachwissenschaftler haben sich durch ihre 1981 aufgestellten sieben Kriterien der Textualität in ihrer Wissensgemeinde einen Namen gemacht. Textualitätskriterien? Schön und gut, sagen Sie sich jetzt womöglich, aber was hat das mit mir zu tun? Wieso soll mich das interessieren? Ich gebe zu, der Kriterienkatalog von de Beaugrande und Dressler ist sehr theoretisch. Aber er hat für alle schreibenden Menschen dieser Welt etwas Grundlegendes zum Thema: Er definiert Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit ein Text als kommunikativ gilt. Mit anderen Worten: damit er bei seinen Leserinnen und Lesern ankommt und verstanden wird. Meine Herausforderung ist nun, Ihnen diese Kriterien so praktisch und konkret wie möglich zu erläutern.

Kohäsion und Kohärenz – der rote Faden in meinem Text

Starten wir mit den ersten beiden Kriterien, die miteinander verwandt sind. Sie heissen Kohäsion und Kohärenz. Damit sprechen die Forscher den roten Faden in einem Text an. Kohäsion konzentriert sich dabei auf die sprachliche Umsetzung: die einzelnen Wörter, den Satzbau, die grammatikalische Richtigkeit. Möchte ich prüfen, ob ein Text kohäsiv ist, schaue ich beispielsweise, ob die Verben in der richtigen Zeitform stehen: Aktuelles im Präsens, Vergangenes im Präteritum, Zukünftiges im Futur, Erwünschtes im Konjunktiv usw. Oder ich achte darauf, dass Einzahl-/Mehrzahlformen stimmen (es regnet; die Menschen singen; sie lachte) und die Bezüge zwischen Nomen und Pronomen korrekt sind (Herr Müller -> er, sein, ihm; Frau Meier -> sie, ihr, ihr; Meerschweinchen Wölkli -> es, sein, ihm). In diesem Satz aber ist die Kohäsion nicht gegeben: «Der FCL ist wieder am Grübeln, sie haben den Trainer entlassen.» Es ist nicht klar, wer mit «sie» gemeint ist.

Kohärenz achtet ebenfalls auf Schlüssigkeit, aber nicht auf die sprachliche, sondern die inhaltliche. Ich verstehe einen Text dann, wenn die inhaltliche Abfolge logisch und klar ist, wenn auf die Behauptung die Begründung und auf die Frage die Antwort folgt und nicht umgekehrt. Ein Beispiel: «Er touchierte den Mercedes an der Seite. Die Autos stauten sich kilometerlang.» Lese ich diese zwei Sätze, kann ich mir zwar einen Zusammenhang ausmalen. Müsste ich aber den genauen Hergang erklären, würde zu viel Interpretationsspielraum bestehen.

Intentionalität und Akzeptabilität – der Dialog muss funktionieren

Kriterium drei nach de Beaugrande/Dressler ist die Intentionalität. Hat eine Person eine Intention, verfolgt sie einen Zweck, möchte sie ein Vorhaben umsetzen. Im Text, den diese Person zu ihrem Plan verfasst, muss dieses Ziel klar sein. Sie schreibt sozusagen mit offenem Visier. Für den Leser wiederum muss die Absicht des Schreibenden erkennbar und plausibel sein: Ich werde nach meiner Meinung gefragt, man will mir etwas verkaufen oder man hilft mir beim Zusammenbauen des Möbels. Er akzeptiert den Text, weil er weiss, dass er nicht hinters Licht geführt wird. Und er versteht auch, was darin geschrieben steht. Das ist das vierte Kriterium: die Akzeptabilität. Sie setzt übrigens voraus, dass ich als schreibende Person meine Adressaten kenne. Und dass mein Text sprachlich kohäsiv und inhaltlich kohärent ist.

Informativität – Wirkung erzielen, in jedem Fall

Das Kriterium der Informativität zielt auf den Lernhunger der Leserschaft ab. Es geht davon aus, dass in jedem Text Informationen weitergegeben werden, die der Adressat noch nicht kennt. Tatsächlich ist es doch so, dass wir mit jedem Text für die Lesenden einen Mehrwert generieren wollen. Wir möchten Aufmerksamkeit erzeugen, indem wir von etwas Neuem berichten, etwas Unerwartetes kommunizieren, Wissen erweitern usw.
 

Situationalität und Intertextualität – sich in den Adressaten hineindenken und Abhängigkeiten erkennen

Das Kriterium der Situationalität bezieht zeitliche, örtliche oder soziale Umstände, in die der Text «fällt», mit ein. Gut ist also, wenn ich mich während des Schreibprozesses in die Lesesituation meiner Adressaten hineinzuversetzen versuche. Wann und auf welchem Kanal wird mein Text vorzugsweise gelesen? Welches Vorwissen und welchen Erfahrungshintergrund haben die Leserinnen und Leser? Je nachdem, wie genau meine Kenntnisse darüber sind, wie gut ich also meine Adressaten kenne, kann ich meinen Text genauer darauf anpassen. Weiss ich zum Beispiel, dass mein Gegenüber die Mails immer am Abend checkt, schreibe ich in der Anrede «Guten Abend». Kenne ich seinen Lesezeitpunkt nicht, schreibe ich besser «Sehr geehrte», «Grüss dich» oder «Hallo».

Die Intertextualität berücksichtigt die Tatsache, dass zwischen Texten oft Abhängigkeiten bestehen. Um wieder auf das Beispiel mit dem E-Mail zurückzukommen: Schreibe ich in einem längeren Mailverkehr eine weitere Mail, muss ich nicht von vorne beginnen, weil ich davon ausgehen kann, dass mein Gegenüber Kenntnis über die Informationen hat, die in den früheren Mails ausgetauscht wurden. Oder im Marketing: Plane ich ein mehrstufiges Werbemailing, rechne ich damit, dass meine Adressaten die aufbauende Struktur erkennen und einordnen können.

Fassen wir zusammen

Ein Text ist ein Text, solide gemacht und verständlich …

  • … wenn er sprachlich und inhaltlich korrekt ist und einem roten Faden folgt.
  • … wenn er die Ziele offenlegt, die ich mit ihm erreichen will, und der Leser meine Absicht erkennt und akzeptiert.
  • … wenn er mir einen Aspekt erschliesst, von dem ich vorher noch keine Kenntnis hatte.
  • … wenn er in die Situation hineinpasst, in der die Leserschaft sich mit ihm befasst.
  • … wenn er problemlos auf vorangehenden Texten aufbauen kann.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Spass beim Schreiben.

 

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2 Kommentare

Dominik Brun 15.01.2020 - 10:59 Uhr

Grüezi mitenand
Das ist inhaltlich sehr gut, hilfreich und einleuchtend.
Aber die abstrakten Fremdwörter in der Übersicht wirken abstossend:
5 x "tät" / 1 x "ion" und dann noch eine "enz". (Keine deutschen Schlagworte möglich?)
Bei soviel Abstraktivitäten kommt es zur Aversion und es bleiben nur Kalamitäten, und es kommt kein sinnlicher aktiver Text zustande.
Danke schön und freundliche Grüsse aus dem Gebirge
Dominik Brun

Armin Barmet 15.01.2020 - 12:29 Uhr

@Dominik Brun

Grüezi Herr Brun
Besten Dank für Ihren Kommentar und die Grüsse aus dem Gebirge!
Sie haben natürlich recht: Kohäsion, Situationalität & Co. sind allesamt schwierig zu lesen, ja richtige Wort-Ungetüme. Insofern haben sie das Zeug dazu, gegen das Kriterium der Akzeptanz zu verstossen, weil die Leserschaft sie nicht versteht oder nicht verstehen will. Ich muss de Beaugrande und Dressler – sie haben ja die Kriterien so benannt – aber trotzdem in Schutz nehmen. Die Zielgruppe ihrer Theorie bzw. ihrer Texte zu diesen sieben Kriterien waren Sprachwissenschaftler. Von diesen durfte man erwarten, dass sie die Fremdwörter verstehen und akzeptieren.
Die Begriffe wie von Ihnen angeregt in deutsche Schlagworte zu übersetzen, würde mich jetzt glatt überfordern. Aber umschreiben kann man sie, so wie ich es im Fazit unter «Fassen wir zusammen» versucht habe.

Mit herzlichem Gruss vom Fusse des Pilatus, Armin Barmet


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