16. Oktober 2019 – Kommunikation

Geschlechtergerecht schreiben –

die perfekte Lösung gibt es nicht

 

Vielleicht stossen Sie in letzter Zeit auch vermehrt auf Texte, die in Personenbezeichnungen einen Stern (*) oder einen Unterstrich (_) integrieren. Die Debatte über gendergerechtes Formulieren generell und das Sternchen im Speziellen hat sich intensiviert. Ich versuche eine sachliche Annäherung, denn emotional aufgeladene Diskussionen übergehen die Hintergründe, die für und gegen Varianten der geschlechtergerechten Sprache sprechen.

 

 

Der Gender-Stern verunsichert

Bei uns im Korrektorat häufen sich die Anfragen und die Fälle, die das gendergerechte Schreiben betreffen – also eine Schreibweise, die allen sozialen Geschlechtern gerecht wird. Bestimmt hängen die aufkommenden Fragen auch mit der Unsicherheit zusammen, die der Gender-Stern oder Asterisk («Teilnehmer*innen») und der etwas seltener verwendete Gender-Gap oder Unterstrich («Teilnehmer_innen») ausgelöst haben. Und tatsächlich werfen diese Zeichen Fragen auf: Darf ich sie verwenden, obwohl sie eigentlich sprachfremd sind? Sind sie sinnvoll, obwohl sie die Lesbarkeit beeinträchtigen können? Wenn nicht so, wie bezeichne ich dann Personen, die sich keinem Geschlecht zuordnen?

Erste Schwierigkeit – ideologischer Ballast überlagert die sprachliche Diskussion

Ein Wespennest, ein Minenfeld – das waren meine ersten Gedanken, als ich mich mit der Vorstellung anfreundete, einen Blogartikel zum Thema geschlechtergerechte Sprache zu verfassen. Warum diese Befürchtung? Wer die Debatte darüber etwas genauer verfolgt, trifft immer wieder auf Beiträge, die es nicht schaffen, Ideologie und sprachliche Umsetzung zu trennen. Das finde ich schade. Kann jemand kursierenden Gender-Theorien nicht kritisch gegenüberstehen und trotzdem den Anspruch haben, im gesprochenen und geschriebenen Wort Personen in ihrer Geschlechtsidentität korrekt anzusprechen?

Zweite Schwierigkeit – grammatische Kriterien haben auch ihre Berechtigung

In unseren Texten sollte es ja darum gehen, Realität abzubilden. Bezeichnen wir eine Person, verwenden wir die treffenden Wörter und setzen sie in die richtige grammatische Form. Schreiben wir von einer weiblichen Person im Lehrkörper einer Uni, nennen wir sie «Professorin» und nicht «Professor». In allen Fällen, in denen wir sowohl männliche als auch weibliche Personen meinen, sollten wir geschlechtergerechte Formulierungen verwenden. Dafür stehen uns verschiedene Varianten mit je eigenen Vor- und Nachteilen zur Verfügung:

Variante
Paarform

Beispiel
Teilnehmer und Teilnehmerinnen

Vor-/Nachteile

  • Ist orthografisch weniger aufwendig.
  • Geeignet, wenn Substantive mit Artikeln oder anderen Pronomen kombiniert sind
  • Beeinträchtigt bei gehäufter Verwendung in einem Text dessen Lesbarkeit

Variante
Schrägstrich

Beispiel
Teilnehmer/innen

Vor-/Nachteile

  • Ist orthografisch weniger aufwendig
  • Zeigt in gewissen Fällen die Beugung der männlichen Form nicht an (z.B. Referent/innen)

Variante
Schrägstrich mit Divis

Beispiel
Teilnehmer/-innen

Vor-/Nachteile

  • Gibt in allen Fällen die korrekte Beugung wieder
  • Ist vor allem in Kombination mit Pronomen und Adjektiven orthografisch aufwendig und weniger lesefreundlich (z.B. eine/-n bewanderte/-n Referenten/-in)

Variante
Binnen-I

Beispiel
Teilnehmer/innen

Vor-/Nachteile

  • Vor allem in Kombination mit Pronomen nicht lesefreundlich (z.B. dieseR RefrentIn)
  • Zeigt in gewissen Fällen die Beugung der männlichen Form nicht an (z.B. ReferentInnen)
     

Variante
Klammer

Beispiel
Teilnehmer(innen)

Vor-/Nachteile

  • Wertet die weibliche Form ab, weil in Klammern Stehendes als weniger wichtig interpretiert wird.

Neben dem sozialen Geschlecht (Gender) kennt unsere Sprache aber auch die Unterscheidung nach dem grammatischen Geschlecht (Genus), also nach den grammatikalischen Kategorien männlich, weiblich, sächlich. In diesem Zusammenhang wird für bestimmte Fälle das generische Maskulinum verwendet im Sinne der Definition, die sich auf Wikipedia findet: «Ein generisches Maskulinum ist ein maskulines (männliches) Nomen oder Pronomen, bei dem das Geschlecht der damit bezeichneten Personen nicht von Bedeutung oder unbekannt ist […].» Ein Beispiel dazu: «Frauen sind die aufmerksameren Autofahrer.» Mit Autofahrer ist die Gesamtheit aller autofahrenden Personen gemeint, männliche und weibliche. Schreibe ich hier Autofahrerinnen statt Autofahrer, stimmt die Aussage nicht mehr. Und die Paarform zu wählen («Frauen sind die aufmerksameren Autofahrerinnen und Autofahrer»), wäre widersinnig. Die deutsche Sprache verwendet hier das generische Maskulinum als eine Variante. Um es vorwegzunehmen: Eine andere, kompromissfähige Schreibweise ist hier die Umschreibung: «Frauen fahren aufmerksamer Auto.» Nicht in allen Fällen anwendbar, aber ebenfalls eine gute Alternative ist die neutrale Formulierung: «Männer sind die sorgloseren Studierenden.»

Es gibt verschiedene Kriterien für die Wahl der Schreibvariante

Die grammatikalische Richtigkeit ist ein Kriterium, nach der ich mich auch im geschlechtergerechten Schreiben richten sollte. Aber auch andere Kriterien mischen mit:

  • Lesbarkeit: Alle oben vorgestellten Varianten können die Lesbarkeit von Texten beeinträchtigen. Wähle ich gehäuft die Paarform, zieht das den Text in die Länge und strapaziert die Nerven. Die Variante mit Schrägstrich kann den Lesefluss unterbrechen («Wir suchen eine/-n neue/-n ordentliche/-n Professor/-in»), das Binnen-I das Schriftbild stören, wenn weitere Buchstaben wie das «N» die Binnenfunktion übernehmen («Wir suchen eineN neueN ordentlicheN ProfessorIn»).

  • Genderkonformität: Ziele ich im geschlechtergerechten Schreiben auf die korrekte Bezeichnung des sozialen Geschlechts, muss ich auch Personen berücksichtigen, die sich keinem Geschlecht zuordnen. Möglichkeiten sind neutrale Formulierungen, Umschreibungen, Gender-Stern und Gender-Gap. Wobei zu sagen ist, dass Stern und Gap noch nicht dudenkonform und vom Rat für deutsche Rechtschreibung nicht abschliessend beurteilt worden sind. Als Symbole für das dritte Geschlecht sind sie umstritten. Sie seien willkürlich gewählt. Andere monieren, die Lösung mit * oder _ sei nicht frei von Diskriminierung, denn die weibliche Form hinter dem Stern werde weiterhin von der männlichen abgeleitet und sei damit nicht gleichberechtigt. Und Personen dritten Geschlechts würden in der Schreibweise auf einen Stern oder – noch schlimmer – eine Lücke reduziert.
  • Sprachkonventionen: Weichen wir zu stark von Konventionen ab, wird Sprache nicht mehr verstanden. Diese Gefahr besteht, wenn wir etwa den männlichen und weiblichen Artikel durch den sächlichen ersetzen («das Autor» statt «der/die Autor/in») oder als Ausweg für diskriminierende Varianten ganz neue Begriffe kreieren würden (z.B. «das Autoritas»).

Wie weiter? – Unsere Empfehlungen

Wägt man die Varianten für geschlechtergerechte Sprache und die Argumente für oder gegen die Verwendung von Stern und Unterstrich ab, wird klar: Den Königsweg, pardon: den perfekten Weg gibt es nicht. Offiziell ist die Sache klar. Was die Rechtschreibung der deutschen Standardsprache erlaubt, kann in den Schulen gelehrt werden und gilt für amtliche Dokumente. Viele Institutionen und Unternehmen haben aber eigene Leitfäden erstellt. Ein erster wichtiger Schritt und ein aktueller gemeinsamer Nenner könnte sein, die Menschen für geschlechtergerechtes Formulieren zu sensibilisieren. Das wird mit der gegenwärtigen Diskussion und der abwartenden Haltung des Rats für deutsche Rechtschreibung geleistet.

Um eine interne Wegleitung zu haben und wenn gewünscht Empfehlungen mitgeben zu können, haben wir folgende Leitlinien formuliert:

  • Verwenden Sie grundsätzlich immer die weibliche und die männliche Form, wenn beide Geschlechter gemeint sind. Dafür können Paarformulierungen wie «Leserinnen und Leser» (für längere Texte, bei nicht allzu häufigem Gebrauch geeignet) oder die Schreibung mit Schrägstrich («Leser/innen») verwendet werden.
  • Die Schreibung mit Schrägstrich und Divis («Leser/-innen») empfehlen wir nicht, weil sie vor allem in Kombination mit Pronomen und Adjektiven orthografisch aufwendig und weniger lesefreundlich ist (z.B. «eine/-n bewanderte/-n Referenten/-in»).
  • Verwenden Sie wo möglich auch neutrale Formulierungen (Studierende, Mitarbeitende, Teilnehmende) oder Umschreibungen: «Zahnärztliche Behandlungen sind in der Regel nicht versichert» statt «Behandlungen bei der Zahnärztin oder beim Zahnarzt sind in der Regel nicht versichert», «Die Teilnahme am Seminar berechtigt zur Benützung der Software» statt «Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars sind berechtigt, die Software zu benützen».
  • In Fällen, in denen das soziale Geschlecht keine Rolle spielt, empfehlen wir, wo möglich und lesefreundlich neutrale Formulierungen oder Umschreibungen dem generischen Maskulinum vorzuziehen.
  • Vermeiden Sie Klischees: «das Familienoberhaupt», «sie war ein Blickfang», «mit seinen starken Armen», «das süsse kleine Mädchen» o.Ä.
  • Die Schreibungen mit Gender-Stern («Leser*innen») bzw. Gender-Gap («Leser_innen») sind vom Rat für deutsche Rechtschreibung und vom Duden bislang nicht ins Regelwerk aufgenommen worden. Deswegen empfehlen wir die Verwendung aktuell nicht.

 

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3 Kommentare

Philipp Wilhelm 23.10.2019 - 12:36 Uhr

Gut, dass Sie sich dieses wichtigen Themas annehmen. Schade nur, dass Sie hier aus meiner Sicht einige Denkfehler begehen: Sie gehen nicht auf den grundsätzlichen Irrtum ein, dass das grammatikalische Geschlecht absolut nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun hat. Der Käse hat nichts Männliches, die Wurst nichts Weibliches. Sie verschweigen, dass das generische Maskulinum die Funktion von Gattungsbegriffen hat. Ihr Vorschlag, einen wesentlichen Aspekt des Lebens (Gattung) in Zukunft einfach zu sexualisieren, indem sinnlos die biologischen Geschlechter genannt werden, verunstaltet unsere Sprache und erschwert die Lesbarkeit und die Möglichkeit von Sprache, Wirklichkeit zu beschreiben. Sie gehen nicht darauf ein, wer eigentlich diese Regeln des Gender-Unsinns fordert. Umfragen belegen, dass die grosse Mehrheit der deutschsprachigen Menschen Gendern ablehnen. Der Versuch, diese unsinnigen Regeln undemokratisch aufzuzwingen, ist ein Skandal. Dass sich einige - wie nun leider auch Brunner Medien - hier aus vorauseilendem Gehorsam oder Unwissen anschliessen, ist traurig. Sie erwähnen mehrfach, dass die Regeln des Gender-Unsinns vom Rat für deutsche Rechtschreibung und vom Duden "bislang nicht ins Regelwerk aufgenommen worden sind" oder noch "nicht abschliessend beurteilt" worden seien. Mit dem "bislang" und dem "nicht abschliessend" unterstellen Sie, dass hier eine Unentschiedenheit herrsche. Sie versteigen sich sogar in der Behauptung, der Rat für Rechtschreibung wolle, durch eine "abwartende Haltung" die deutschen Rechtschreiber für Genderthemen "sensibilisieren". Das ist nicht faktenbasiert und ein manipulativ wirkendes Ummünzen der Tatsache, dass alle Genderregeln den Regeln der deutschen Rechtschreibung widersprechen, in sich widersprüchlich und nicht konsequent umzusetzen sind, einen enormen Verlust an Sprachschärfe mit sich ziehen und ganz einfach grammatikalische Fehler sind. Informieren Sie sich doch am besten auf der Website des Vereins für Deutsche Sprache e.V., dessen Aufruf zum Widerstand ("Rettet Deutsch vor Gendersprech") sich inzwischen schon über 74'000 prominente Sprachnutzer angeschlossen haben: https://vds-ev.de/mitteilungen/rettet-deutsch-vor-gendersprech/ In diesem Sinne - viel Erfolg beim genderfreien Texten!

Martin Spilker 24.10.2019 - 12:40 Uhr

Vielen Dank für die interessante Zusammenstellung. Der Effort/die Anstrengung hat sich bestimmt gelohnt!

Armin Barmet 25.10.2019 - 10:47 Uhr

@Philipp Wilhelm: Danke für Ihr Interesse an meinem Blogbeitrag. Gerne gehe ich auf einige Ihrer Aussagen ein, möchte zuerst aber grundsätzlich erwähnen: Der Blogbeitrag ist im Lead als «sachliche Annäherung» ans Thema deklariert. Das soll er auch sein. Darum hat er nicht den Anspruch, irgendwelche Gendertheorien zu behandeln, geschlechtergerechtes Schreiben als Gender-Unsinn abzutun oder es in den Himmel zu loben. Der Artikel ist auch eine Antwort auf mehrere Anfragen, die in letzter Zeit an uns herangetragen wurden, und darum bewusst praxisnah gehalten. Sie schreiben, Herr Wilhelm, das grammatikalische Geschlecht habe absolut nichts mit dem biologischen zu tun. Nun ja, bei der Wurst stimme ich Ihnen zu. Geht es aber um konkrete Personen, ist das grammatische Geschlecht durchaus auf das biologische abgestimmt. So werden Sie nie auf «einen Lehrerin» und «eine Lehrer» treffen. Generisches Maskulinum als Gattungsbegriff: Ist es natürlich. Ich schlage aber nicht vor, Gattungsbegriffe in Zukunft zu sexualisieren. Eben nicht «Frauen sind die aufmerksameren Autofahrerinnen». Das generische Maskulinum ist eine von mehreren Möglichkeiten für eine Personenbezeichnung, in der das soziale Geschlecht keine Rolle spielt. Ich schlage auch nicht wie behauptet vor, sinnlos biologische Geschlechter zu nennen. Was aber meines Erachtens sinnvoll ist und im Übrigen zur Sprachschärfe beiträgt: Wo biologische Wesen angesprochen sind, sie sprachlich auch so abzubilden. Ich wüsste nicht, was hier manipulativ oder grammatikalisch falsch sein soll. Zur Sache mit dem Rat für deutsche Rechtschreibung, der sich zurecht als «zentrale Instanz in Fragen der Rechtschreibung» bezeichnet, ist er doch ein offizielles zwischenstaatliches Gremium: Wenn Sie seine aktuellsten Stellungnahmen zum geschlechtergerechten Schreiben lesen (sie stammen aus dem Jahr 2018; https://www.rechtschreibrat.com -> «Aktuelle Mitteilungen»), stellen Sie fest, dass er tatsächlich eine abwartende Haltung einnimmt: «Die Erprobungsphase verschiedener Bezeichnungen des dritten Geschlechts verläuft in den Ländern des deutschen Sprachraums unterschiedlich schnell und intensiv. Sie soll nicht durch vorzeitige Empfehlungen und Festlegungen des Rats für deutsche Rechtschreibung beeinflusst werden.» Ausserdem anerkennt er den Anspruch an die Sprache, geschlechtergerecht zu formulieren: «Dennoch ist das Recht der Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen, auf angemessene sprachliche Bezeichnung ein Anliegen, das sich auch in der geschriebenen Sprache abbilden soll.» Im Bericht vom 28. November 2018 wird er differenzierter, definiert Kriterien, stellt Varianten vor. Hier kommt zum Ausdruck, dass die ganze Angelegenheit in der Umsetzung nicht trivial ist. Und der Gender-Stern zwar populärer wird, aber nicht unproblematisch ist. Was ich im Blogbeitrag ja auch erwähne.


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Armin Barmet

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