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Armin Barmet
Kommunikationsspezialist
 
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26.06.2019

Kategorie: Kommunikation


Von der Leichten Sprache – und warum sie uns letztlich alle angeht

  

Die einen finden: praktisch und sinnvoll. Andere hingegen reden verächtlich vom Deutsch für Debile. Die Konzepte für «Leichte Sprache» und «Einfache Sprache» sind umstritten. Sie richten sich an Personen mit Leseschwäche und Lernschwierigkeiten mit dem Ziel, auch ihnen die Sprache zugänglich zu machen. Spannend ist, dass wir anhand dieser Konzepte die Kriterien von qualitativ guten Texten untersuchen können. Davon profitieren letztlich alle.

 

 

 

 

 

Leichte Sprache – damit niemand auf der Strecke bleibt

 

Populär geworden ist das Konzept der Leichten Sprache durch das Engagement des Vereins Netzwerk Leichte Sprache. In ihm sind mit Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Luxemburg fast alle Länder vertreten, in denen Deutsch als Amtssprache gilt. Die Anfänge der Leichten Sprache reichen in die 1970er-Jahre zurück – nach Amerika. Was zeigt, dass das Konzept nicht auf die deutsche Sprache beschränkt ist.

 

Ziel der Leichten Sprache ist, Menschen mit Sprachbehinderungen gleichwohl das Lesen und Verstehen von Texten zu ermöglichen. Man könnte also auch sagen: Barrierefreiheit für den Bereich der Sprache. Um dieses anspruchsvolle Vorhaben umsetzen zu können, gibt das Netzwerk Leichte Sprache seit 2006 Regeln und Empfehlungen zum Umgang mit der Leichten Sprache heraus. Seine Website ist übrigens, wie könnte es anders sein, in Leichter Sprache verfasst (ich schmunzle: mit Ausnahme der Datenschutzbestimmungen.)

 

 

Sprachempfehlungen – zuoberst steht die Einfachheit

 

Die wichtigste aller Regeln ist diejenige, in Leichter Sprache geschriebene Texte vorab immer von einer Person mit Leseschwäche gegenlesen zu lassen. Diese Aufforderung macht Sinn, denn nur selbst Betroffene können beurteilen, ob solche Texte ihren Zweck erfüllen. Diese Hauptregel erklärt auch, warum wir das Regelwerk für die Leichte Sprache nicht als enges Korsett betrachten dürfen.

 

In den Empfehlungen des Netzwerks finden sich vor allem Vorgaben zu Satzbau, Grammatik, Rechtschreibung und Stil. So sollten Texte in Leichter Sprache aus kurzen Sätzen bestehen. Jeder Satz enthält nur eine Aussage und wird möglichst in der Reihenfolge Subjekt, Verb, Objekt formuliert. Den Einsatz von Fremdwörtern, Konjunktiv, Genitiv, Passivformen oder auch Metaphern und abstrakten Begriffen gilt es zu vermeiden. Zusammengesetzte Wörter dürfen zwar vorkommen, werden aber zur besseren Lesbarkeit mit einem Mediopunkt unterteilt (z.B. Sprach·regel). Statt mit Wortschatz zu brillieren, sind einfache Begriffe und Wortwiederholungen explizit erwünscht. Auch Empfehlungen zur Typografie finden sich. Texte mit Leichter Sprache sind sehr strukturiert. Es wimmelt von Absätzen, denn jeder Satz beginnt auf einer neuen Zeile. Aufzählungspunkte und einfache erklärende Bildelemente wie z.B. Icons sind willkommen.

 

 

«Damit sie lesen können» – so sieht es in der Praxis aus

 

Texte in Leichter Sprache zu entwerfen und zu schreiben ist das eine, bestehende Texte in Leichte Sprache zu übertragen das andere. Letzteres kann zuweilen höchst anspruchsvoll sein, wenn wir an Gesetzestexte, Fachartikel, philosophische Abhandlungen oder dergleichen denken. Die Gegenüberstellung eines kurzen Auszugs aus dem schweizerischen Behindertengleichstellungsgesetz zeigt auf, wie diese Aufgabe gelöst werden kann:

 

Originalwortlaut

Art. 1 Zweck

1 Das Gesetz hat zum Zweck, Benachteiligungen zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen, denen Menschen mit Behinderungen ausgesetzt sind.

2 Es setzt Rahmenbedingungen, die es Menschen mit Behinderungen erleichtern, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und insbesondere selbstständig soziale Kontakte zu pflegen, sich aus- und weiterzubilden und eine Erwerbstätigkeit auszuüben.

 

Leichte Sprache (Textvorschlag von Büro für Leichte Sprache, Stiftung Wohnwerk)

Artikel 1:

Menschen mit Behinderungen sollen das Gleiche machen können wie Menschen ohne Behinderungen.

Das Gesetz will helfen, dass Menschen mit Behinderungen gut leben können:

  • Damit sie überall dabei sind.
  • Damit sie ohne Hilfe andere Menschen treffen können.
  • Damit sie lernen können.
  • Damit sie arbeiten können.

 

 

 

Einfache Sprache – damit man Texte schneller versteht

 

Nicht zu verwechseln mit der Leichten Sprache ist das verwandte Konzept der Einfachen Sprache (engl. Plain Language). Auch sie dient der Barrierefreiheit, auch sie hat zum Ziel, Texte generell in sprachlich einfacheren Versionen zur Verfügung zu stellen. Anders als für die Leichte Sprache existiert aber kein festes Regelwerk. Die Empfehlungen zeigen sich weniger spezifisch, obwohl Kürze und Einfachheit in der Formulierung auch für die Einfache Sprache zentral sind. Grundsätzlich versucht man sich an die gesprochene Sprache anzulehnen. Eine einfache, logische Satzstruktur ist Voraussetzung. Darin haben aber auch einfache Hauptsatz-Nebensatz-Konstruktionen Platz.

 

Weil bei den Vorgaben mehr Spielraum besteht, vergrössert sich die Gruppe der Personen, für die Einfache Sprache interessant sein könnte. Neben Menschen mit Leseschwäche kommen auch fremdsprachige oder ältere Personen infrage – im Prinzip jedoch alle, die schnell durch einen Text kommen wollen oder komplexe Texte besser verstehen möchten.

 

Originalwortlaut

Art. 1 Zweck

1 Das Gesetz hat zum Zweck, Benachteiligungen zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen, denen Menschen mit Behinderungen ausgesetzt sind.

2 Es setzt Rahmenbedingungen, die es Menschen mit Behinderungen erleichtern, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und insbesondere selbstständig soziale Kontakte zu pflegen, sich aus- und weiterzubilden und eine Erwerbstätigkeit auszuüben.

 

Einfache Sprache (Textvorschlag von mir)

Artikel 1: Zweck

Das Gesetz ist für Menschen mit Behinderungen geschrieben. Es will erreichen, dass solche Menschen nicht benachteiligt werden.

Das Gesetz regelt, wie Menschen mit Behinderungen besser am Leben in der Gesellschaft teilnehmen können. Gemeint sind damit das Zusammensein mit anderen Menschen, das Lernen und die Arbeit.

 

 

Leichte Sprache – die Kritikpunkte

 

Die Konzepte der Leichten Sprache und der Einfachen Sprache sind nicht unumstritten. Neben unqualifizierten Einschätzungen, auf die ich nicht eingehen will, finden sich auch Einwände, die eine Überlegung wert sind:

 

  • «Leichte Sprache schliesst die Menschen, für die sie gedacht ist, aus.» Da Leichte Sprache eine Sondersprache ist, speziell für Menschen mit Leseschwäche und Lernschwierigkeiten konzipiert, kann sie tatsächlich als exklusiv, also ausschliessend interpretiert werden. Ihr Anliegen ist aber nicht die Exklusivität, im Gegenteil. Indem sie Betroffenen den Zugang zur Welt der Sprache und Texte ermöglicht, wirkt sie integrierend.

 

  • «Leichte Sprache ist nicht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Menschen mit Lernschwierigkeiten anwendbar.» Ja, die Regeln und Empfehlungen engen ein und führen dazu, dass die Leichte Sprache kein individuelles Konzept ist, kein Unikat für jeden Anwender. Das kann sie schlichtweg nicht leisten. Dem Einwand hält das Konzept entgegen, dass die wichtigste Regel wie oben geschildert lautet: Texte in Leichter Sprache sind von ihren Zielgruppen jeweils auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Das bedingt auch, dass vor dem Schreiben genau geklärt ist, an wen der Text in Leichter Sprache gerichtet ist und welchen Zweck er zu erfüllen hat.

 

  • «Texten in Leichter Sprache fehlt es an Gehalt und Stil.» Weil solche Texte extrem vereinfacht, reduziert und durch die vielen Wortwiederholungen auch monoton daherkommen, kann man diesen Einspruch nicht abstreiten. Mit diesem Verlust muss man leben. Vielleicht kommt man besser darüber hinweg, wenn man sich vor Augen führt, dass die Sprachästhetik in Texten mit Leichter Sprache nicht an oberster Stelle stehen kann.

 

 

Der Textqualität auf der Spur

 

Texte in Leichter Sprache oder Einfacher Sprache sind simpel, kurz, klar. Überzeugen sie auch qualitativ? Ich würde mit «jein» antworten. Aufgrund ihres Konzepts erfüllen sie zwei wichtige Kriterien, die für die Beurteilung der Textqualität relevant sind: Einfachheit und Prägnanz (siehe dazu auch einen früheren Blog-Beitrag zum Hamburger Verständlichkeitsmodell). Nur: Mit diesen beiden ist es nicht getan. Gute Texte sind auch leserfreundlich gegliedert und mit anregenden Zusätzen versehen.

 

Das Kriterium der Gliederung hält die Leichte Sprache nur halbherzig ein. Sie empfiehlt zwar das Setzen von Anführungspunkten und mahnt die Absatzbildung an. Aber begännen wir in herkömmlichen Texten nach jedem Satz eine neue Zeile, würde der Text auseinandergerissen und wir würden die Übersicht verlieren. Ausserdem haben wir es in der Leichten Sprache mit einem gleichwertigen Nebeneinander der Wörter zu tun. Es gelingt ihr nicht wirklich, einzelne Wörter zu gewichten. Mit den anregenden Zusätzen erleidet die Leichte Sprache komplett Schiffbruch. Das Redundante und Monotone in ihrem Konzept ist das Gegenteil von attraktiven Beigaben wie Metaphern oder Vergleichen. Und ich dürfte mich in einfachen Texten auch nicht getrauen, zu variieren und stilistisch mal etwas zu wagen.

 

 

Fazit

 

Ich möchte diese abschliessenden Zeilen nicht als Kritik an der Leichten Sprache verstanden wissen. Wie schon gesagt, ihr Hauptziel ist nicht, zu glänzen und den Leser zu unterhalten. Ich sehe es von der positiven Seite: Lese ich einen Text in Leichter Sprache, kann mich das auch zu Gedanken über die Qualität meines Schreibens anregen. Zum Beispiel, wann für mich ein Text zu einem guten Texten wird. Oder dass ich mit meinem Text in erster Linie der Leserin und dem Leser gerecht werden muss, nicht meiner Eitelkeit. Und vielleicht stelle ich mich irgendwann einmal der ultimativen Herausforderung: Datenschutzbestimmungen in Leichte Sprache zu übertragen.

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