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Armin Barmet
Kommunikationsspezialist
 
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01.08.2018

Kategorie: Kommunikation


Rüebli fürs Büebli statt Möhre für den Jungen

  

Abwart, Billett, Rande oder Trottinett – viele Ausdrücke im deutschen Wortschatz sind nur hierzulande geläufig. Sie gelten als prägend für das sogenannte Schweizer Hochdeutsch und sind auch in den bekannten Wörterbüchern aufgeführt. Warum es Sinn machen kann, schweizerische Eigenarten in die Schriftsprache einzubauen.

 

 

 

 

Die sozialen Medien bringen es an den Tag. In Mundart schreiben ist populär, und meist wird so kommuniziert, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Das gilt nicht nur für die Textfetzen der Jugendlichen, auch viele Erwachsene lieben es, ihre Whatsapp-Nachrichten, SMS oder Posts in Schweizerdeutsch zu verfassen. In solchen Texten fehlt meist jegliches Gespür für die Rechtschreibung.

 

Die Sprachhüter könnten sich jetzt aufregen und behaupten, es gehe nun komplett bachab mit dem gepflegten Deutsch. Dem ist entgegenzuhalten, dass wir für die Mundart nicht wie im Hochdeutschen auf ein kompaktes Regelwerk wie den Duden zurückgreifen können. Es gibt zwar Regelungen für das Schweizerdeutsche, zu finden etwa im «Schweizerischen Idiotikon» oder diskutiert in der «Zeitschrift für Sprache in der deutschen Schweiz», aber sich auf einen einheitlichen Kurs zu einigen, wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Die Rolle der Mundart in den sozialen Medien hat aber auch ihr Schönes: Sie wird aktiv genutzt und ihre Popularität beweist, dass Dialoge so gelingen und Kommunikation erfolgreich ist.

 

 

 

Hochdeutsch und Schweizer Hochdeutsch sind zwei Paar Schuhe

 

Es wäre natürlich unsinnig, das Schweizerdeutsch – also Mundart – in Schule, Medien und Verwaltung als Norm für die Schriftsprache durchzusetzen. Hier geht es darum, uns die Kompetenzen für das Standarddeutsch anzueignen und über Dialekt- und Sprachregionen hinaus kommunizieren zu können.

 

Trotzdem dürfen wir unsere schweizerischen Eigenarten in der Standardsprache abbilden. Ja wir sollten sogar, finde ich. Sprache hat viel mit Kultur und Identität zu tun, und sie muss eine ihrer ureigensten Aufgaben erfüllen: dass Menschen sich untereinander austauschen und verständigen können. Mit Wörtern, die ihnen aus ihrem alltäglichen Leben bekannt sind. Eine zweite Funktion von Sprache neben der kommunikativen ist nämlich die kognitive (von lat. cognoscere = wahrnehmen, erkennen): Hinter jedem Wort verbinden wir eine Vorstellung, die sich aus Wissen und Erfahrungen speist. Wenn ich von der «Apfelsine» spreche, werden viele Schweizer Muttersprachler die Nase rümpfen, weil ihnen dieses Wort nicht geläufig ist, sie damit keine Vorstellung verknüpfen. Sage ich aber «Orange», tun sich Bilder und Erfahrungen auf – und mindestens die Luzerner denken an die Fasnacht. Unsere Sprache sollte also auf Wörter zurückgreifen, die in unserem Wortschatz verankert sind und unter denen wir uns etwas vorstellen können.

 

 

Fahrräder sind bei uns Velos

 

Schweizerische Eigentümlichkeiten in der Sprache werden fachsprachlich als Helvetismen bezeichnet. Sie haben in allen etablierten Wörterbüchern wie dem Duden Niederschlag gefunden und werden dort als spezifisch schweizerische Ausdrücke markiert (z.B. «Velo, das; -s, -s [verkürzt aus Veloziped] [schweiz. für Fahrrad]» im Duden). Es sind nicht nur Mundartwörter wie «Müesli», die zu Helvetismen geworden sind. Auch Fremdwörter (z.B. «parkieren» statt «parken») oder aus dem Englischen (z.B. «Goalie» statt «Torhüter») und ganz oft aus dem Französischen entlehnte Wörter (z.B. «Trottoir» statt «Gehsteig») sind helvetisiert worden.

 

Hier eine kleine Übersicht gängiger Helvetismen:

 

Abwart (Hausmeister) Nachtessen, Znacht (Abendbrot)
Baumnuss (Walnuss) Nastuch (Taschentuch)
Bub (Junge, Knabe) Nuggi (Schnuller)
Billett (Fahrschein) Occasion (Gebrauchtwagen)
Camion (Lastwagen, LKW) Orange (Apfelsine)
Cheminée (Kamin) parkieren (parken)
Estrich (Dachboden) Penalty (Elfmeter)
Gang (Flur) pendent (hängig)
Goalie (Torwart) Pneu (Reifen)
Gottenkind (Patenkind) Poulet (Hähnchen)
grillieren (grillen) Rande (rote Beete)
Guetsli, Guetzli (Keks) Rübeli (Karotte, Möhre)
Jupe (Rock) Traktandum (Verhandlungsgegenstand)
Kabis (Weisskohl) Trax (Bagger)
Lavabo (Waschbecken) Trottinett (Roller)
lismen (stricken) Trottoir (Gehsteig)
Morgenessen, Zmorge (Frühstück) Velo (Fahrrad)
Müesli (Frühstücksflocken, Müsli) zügeln (umziehen)

 

Eine schweizerische Eigenart ist übrigens auch, anstelle des Eszett (ß) nach dem betonten langen Vokal zwei S zu schreiben.

 

 

Näher dran an der Zielgruppe

 

Ich kann Ihnen von zwei Beispielen aus der eigenen Praxis berichten, die aufzeigen, dass der Gebrauch des Schweizer Hochdeutschs Sinn macht.

 

Wir hatten letztes Jahr den Auftrag, für ein KMU mit Mutterhaus in Österreich, das auch Filialen in der Schweiz unterhält, den Webauftritt sprachlich zu strählen (auch ein Helvetismus, steht für «durchkämmen»). Wörter und Schreibweisen, die in der Schweiz nicht geläufig waren, sollten umformuliert, die Webpräsenz also helvetisiert werden. Der Auftrag hatte natürlich einen marketingstrategischen Hintergrund. Das Unternehmen will mit dem angepassten Webauftritt für seine Schweizer Kunden den richtigen Ton treffen. Vor allem auch, weil Regionalität und Kundennähe Schlüsselbotschaften des KMU sind.

 

Im zweiten Beispiel geht es um das renommierte Schweizer Elternmagazin Fritz+Fränzi. Seit mehreren Jahren stellen wir für die meistgelesene Elternzeitschrift der Schweiz das Korrektorat der Texte sicher. Fritz+Fränzi legt grossen Wert darauf, ein schweizerisches Magazin zu sein und immer wieder Themen aufzugreifen, die hiesige Familien beschäftigen und schweizerische Eigenarten betreffen (z.B. Kindergarten/Schule). Es ist also nur konsequent, dass uns die Redaktion den Auftrag gegeben hat, die Artikel nach sogenannten Germanismen zu durchforsten und sie durch schweizerische Ausdrücke zu ersetzen. Insbesondere bei Autoren, die hochdeutscher Muttersprache sind, gilt es für uns, aufmerksam zu sein. So wird aus dem Jungen, der sein Fahrrad im Flur parkt, ein Bub, der sein Velo im Gang parkiert.

 

 

 

Fazit

 

Wer in seinen Texten Helvetismen verwendet, rückt näher an die Lebenswelt der Lesenden mit Schweizerdeutsch als Muttersprache. Sprachlich bewegen wir uns voll im grünen Bereich, denn Helvetismen sind anders als Dialektwörter in den Regelwerken als spezifisch schweizerische Ausdrücke der Schriftsprache akzeptiert. Letztendlich geht es aber darum, dass wir mit unseren Texten das bewirken, was wir wollen: bei den Lesenden ankommen und von ihnen verstanden werden.

 

Kommentare (3)
Flury Daniel schrieb am 08.08.2018Hallo Herr Barmet Interessanter Beitrag, wobei man über den Begriff Helvetismus noch weiter philosophieren könnte. Wahrscheinlich sollte man ihn nur für Begriffe verwenden, die zwar aus der Schweiz stammen, aber dudenkonform sind. Das Verb "lismen" würde ich deshalb nicht als Helvetismus im eigentlichen Sinn verstehen, weil es (noch) nicht im Duden steht - im Gegensatz zu "Lismer" = Strickweste. Ein Wort übrigens, das ich in meinem aktiven Sprachschatz nicht kenne und in meiner Familie vielleicht zuletzt von meiner Grossmutter verwendet wurde... Aber wenn "lismen" es mal in den Duden schafft, müsste man dann auch "Lismete" aufnehmen? Auf der andern Seite gibt es mundartliche Wörter, die ich im Duden vermisse, z.B. "(Geld) verlochen" = sinnlos Geld ausgeben. Viele Grüsse Daniel Flury
Ernst Karl schrieb am 08.08.2018Ein schöner Artikel, danke Armin Barmet. Man kann sich auch fragen, mit welchen Erwartungen die Leser wohl an meinen Text gehen, ein bodenständiges Publikum reagiert anders als ein sprachkritisches. Ich mache Bücher für Lehrpersonen in der Schweiz und in Deutschland. Hier kommt mir zu gut, dass Schweizer Leser sich an ß nicht stören, auch nicht am «Fahrrad». Andererseits behalte ich die «Gritibänzen» mundartlich, erkläre aber den Deutschen in Klammer («Brotmännchen»). Für Schweizer Autoren ist es eine reizvolle Aufgabe, wenn sie Texte verfassen wollen, die auch in Deutschland gelesen werden. Freundlicher Gruss oder auch Gruß Karl Ernst
Bleuer Katharina schrieb am 14.08.2018Merci vielmal für diesen Artikel, Das ist ein Thema, das ich oft mit meinen (welschen) Kunden diskutieren muss, die natürlich ihre Texte und Contents lieber im EU-Raum (lies: zu EU-Preisen) einkaufen würden und oft die kleinen, feinen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem schweizerischen Hochdeutsch nicht verstehen. In Zukunft werde ich Ihren Text verlinken.


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