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Armin Barmet
Kommunikationsspezialist
 
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19.04.2017

Kategorie: Kommunikation


20 Jahre neue Rechtschreibung – wir sind auf dem richtigen Weg

  

Vor zwanzig Jahren wurde sie leidenschaftlich geführt – die Diskussion um die neue deutsche Rechtschreibung. Die Gemüter haben sich inzwischen beruhigt. Vielerorts hat man sich an die neue Regelung gewöhnt, Verlage haben nicht selten mit Hausregeln ihren Frieden gefunden. Als Texter und Korrektor, der sich täglich mit Schreiben und Sprache befasst, ist für mich klar: Zurück möchte ich nicht mehr.

 

Wie die meisten Reformen ist auch die Neuordnung der deutschen Rechtschreibung nicht reibungslos verlaufen. Was durchaus verständlich ist: Wenn es um Veränderungen geht, die so Existenzielles wie die Sprache betreffen, ist das Durchbrechen von Gewohntem noch eine Spur schwieriger. In der Schweiz erschwerten der Föderalismus und die kantonale Schulhoheit die Einführung zusätzlich.

 

Ich bin froh, hat man sich vor zwanzig Jahren an diese heilige Kuh herangewagt. Klar, nicht alles gelang auf Anhieb. Darum hat man in weiteren Anpassungen da und dort präzisiert und Unsinniges zurückgenommen. Das grosszügige Angebot an Schreibvarianten verwirrt zwar immer noch, im Grossen und Ganzen ist die vorliegende Regelung meines Erachtens aber gelungen.

 

 

 

 

Gross- und Kleinschreibung: weniger Ausnahmen

 

Was ist richtig: «heute abend» oder «heute Abend»? Diskussionen um solche Fragen wurden vor zwanzig Jahren hitzig geführt. Nach neuer Rechtschreibung ist nur Version zwei richtig. «Abend» wird grossgeschrieben, weil es substantivisch gebraucht wird – im Sinne von «heute am Abend». Für mich eine logische Begründung. Die Befürworter der Kleinschreibung argumentierten, «abend» sei adverbial zu verstehen, leite sich von «abends» ab. Ein Adverb «abend» kennen wir in unserer Sprache jedoch nicht. Die Kleinschreibung «heute abend» ist also ein klassischer Ausnahmefall.

 

Die Änderungen in der Regelung der Gross- und Kleinschreibung zielten darauf ab, solche Ausnahmefälle auszumerzen und Wörter grosszuschreiben, wenn sie substantivisch gebraucht werden. Darum schreiben wir: «in Bezug auf», «im Nachhinein», «ohne Weiteres». Gut so!

 

 

Buchstaben und Laute: mehr Logik

 

Das Wort «Massstab» setzt sich aus den Wörtern «Mass» und «Stab» zusammen. Es gibt keine sprachliche Begründung, warum in der zusammengeschriebenen Version ein «s» wegfallen soll, wie das die alte Rechtschreibung vorsah. Die Reformgegner wurden hier zu Nostalgikern und führten ästhetische Gründe ins Feld. Ein denkbar ungeeignetes Beurteilungskriterium. Wir schreiben modern «Massstab», «Schifffahrt» und «Schritttempo».

 

Auch die Verdoppelung von Konsonanten in Wortableitungen macht Sinn. Aus «Nummer» wird so «nummerieren», nicht «numerieren». Generell kann man sich bei Wortableitungen nun am Stamm orientieren. Darum sprechen wir heute nicht mehr von «belemmerten», sondern von «belämmerten» Zeitgenossen, weil das arme Lamm als Wortstamm herhalten muss. Sind mehrere Stämme nachvollziehbar, steigen auch die Versionen: «aufwendig» (von «aufwenden») oder «aufwändig» (von «Aufwand») sind beide korrekt.

 

 

Silbentrennung: keine künstlichen Gebilde mehr

 

Zwischen zwei Konsonanten darf man trennen. Warum das bei «st» nicht gelten soll, leuchtet nicht ein. Darum machte die Aufhebung dieser Sonderregel Sinn. Dann der Fall mit dem «ck». Dass man hier auch nach der neuen Regelung dazwischen nicht trennt, ist klar. Der alte Vorschlag, «ck» mit «k-k» zu trennen, war aber ziemlich willkürlich. Gradmesser ist hier neu wie beim «ch» die Aussprache. Beide Kombinationen verschmelzen zu einem Buchstaben und kommen bei der Silbentrennung vereint auf die neue Zeile.

 

 

 

Bindestrich: deutlichere Abgrenzung

 

Werden Zahlen mit Wörtern kombiniert, ist der Bindestrich das geeignete Abgrenzungsinstrument. Wörter wie «die 20jährige» oder «der 8zylinder» kommen uns heute fremd vor. Richtig lauten sie «die 20-Jährige» und «der 8-Zylinder».

 

 

 

 

 

 Getrennt- und Zusammenschreibung: bleibt eine Herausforderung

 

Auch hier war das Ziel, Spezialregelungen zu reduzieren. Das Ergebnis fiel in der ersten Fassung 1996 und fällt auch heute, nach mehreren Anpassungen, zwiespältig aus. Probleme bereitete die sinnvolle Unterscheidung von wörtlichen und übertragenen Bedeutungen von Verbindungen, z.B. «aufwärtsgehen» im Sinne von «einen Weg nach oben gehen» (wörtliche Bedeutung) und «aufwärtsgehen» als «eine günstige Entwicklung eines Zustands» (übertragene Bedeutung). Die neue Regelung wollte hier keine Unterscheidung mehr machen und der Getrenntschreibung den Vorzug geben. Eine Entscheidung, die dem besseren Verständnis von Texten nicht zuträglich war – und glücklicherweise revidiert wurde.

 

Heute hat die Betonung der einzelnen Wörter als Kriterium für die Wahl von Getrennt- oder Zusammenschreibung an Gewicht gewonnen. Ist das erste Wort der Verbindung betont, das zweite aber nicht, wird zusammengeschrieben. Sind beide Wörter der Verbindung betont, wird auseinandergeschrieben. So wird «zusammenarbeiten» im Sinne von «kooperieren» als ein Wort geschrieben, weil die Betonung ausschliesslich auf «zusammen» liegt. Wenn zwei aber im gleichen Raum oder zur gleichen Zeit arbeiten, sprechen wir von «zusammen arbeiten»; «zusammen» und «arbeiten» werden gleichwertig betont. Dumm ist nur, dass die Unterscheidung nicht konsequent angewendet wird. Obwohl nur der erste Teil der Verbindung betont ist, schreiben wir beispielsweise «zugrunde gehen» auseinander oder lassen den Kochbuchautoren die Wahl zwischen «warm stellen» und «warmstellen».

 

 

Fazit

 

Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung ist nicht perfekt. Ihr grosses Plus ist, dass sie Sonderfälle reduziert hat und die Anwendung logischer geworden ist. Dadurch erleichtert sie unvoreingenommenen Menschen das Schreiben. Die neue Rechtschreibung dafür verantwortlich zu machen, dass die schulischen Leistungen im Fach Deutsch schlechter geworden sind, ist nicht redlich. Die Ursache hierfür ist wohl eher im Stellenwert zu suchen, den wir der deutschen Sprache als Unterrichtsfach und dem Schreiben als Methodenkompetenz generell beimessen. Aber das ist ein anderes Thema – vielleicht für einen meiner kommenden Blogs.

 

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