TwitterFacebookCallback


Armin Barmet
Kommunikationsspezialist
 
041 318 34 34
a.barmetbag.ch
Newsletter abonnieren

21.12.2016

Kategorie: Kommunikation


Wie Verständlichkeitskiller die Lust am Lesen austreiben

 

Vielleicht ist es Ihnen auch schon so ergangen: Sie haben einen Satz gelesen und sich dann gefragt, was Sie gerade gelesen haben. Statt den Sachverhalt augenblicklich zu erfassen, mussten Sie den Satz ein zweites oder drittes Mal durchlesen. Häufig sind es Verständlichkeitskiller, die Leser zu solchen Wiederholungen zwingen. Abhilfe schaffen können die Kriterien des Hamburger Verständlichkeitskonzepts.

 

Sie erinnern sich vielleicht: In meinem letzten Blogbeitrag «Wie es Ihnen gelingt, Texte verständlich zu schreiben» vom 26. Oktober habe ich Ihnen das Hamburger Verständlichkeitskonzepts vorgestellt. Es nennt vier sprachliche Kriterien, die für die Verständlichkeit von Texten entscheidend sein können: Einfachheit, Gliederung/Ordnung, Kürze/Prägnanz und anregende Zusätze. Um die Lesbarkeit von Texten zu verbessern, sind diese Kriterien unterschiedlich stark zu gewichten (vgl. Abb. 1). Ein optimal verständlicher Text ist ein maximal einfacher und perfekt gegliederter Text. Er ist nicht zu lang, aber auch nicht zu dicht. Und massvoll mit anregenden Zusätzen angereichert.

 

 

Abb. 1: Die Kriterien des Hamburger Verständlichkeitskonzepts und wie sie für einen guten Text gewichtet werden sollten.

 

 

Wenn wir vor einem Text sitzen, dessen Lektüre uns Mühe bereitet, liegt das meist daran, dass die Kriterien des Verständlichkeitskonzepts geritzt werden. Im Folgenden möchte ich einige solcher Verstösse gegen das Sprachmodell aufzeigen.

 

 

Verständlichkeitskiller 1: Fremdwörter

 

Texte mit vielen nicht geläufigen Fremdwörtern verstossen gegen die Einfachheit. Wieso etwas einfach sagen, wenn es auch kompliziert geht? Diese Frage kann man sich manchmal stellen, wenn man Texte beispielsweise aus der Philosophie oder den Sozialwissenschaften liest. Werden solche Texte nur von Philosophen und Sozialwissenschaftlern gelesen, ist alles halb so wild. Die Leserschaft ist in diesem Fall mit den fachsprachlichen Ausdrücken vertraut. Sind sie aber für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt, sollten sie sich an einem durchschnittlichen Sprachverständnis orientieren.

 

 

Verständlichkeitskiller 2: Abkürzungen

 

Texte mit vielen Abkürzungen sind zu prägnant oder einfach nur kompliziert. AdA unter Ihnen wissen, was ich meine: «EinfK GTE im Rahmen des FDT für DD und höh Uof» (weitere Müsterchen in der Verordnung des Bundes über die Militärdienstpflicht). Sind die Abkürzungen nicht gebräuchlich, stocke ich beim Lesen, muss dauernd Mutmassungen anstellen oder gar im Internet nach ihrer Bedeutung recherchieren.

 

 

Verständlichkeitskiller 3: Attributketten und verschachtelte Sätze

 

Sie betreffen zwei Kriterien des Verständlichkeitsmodells: die Einfachheit und die Prägnanz. Attribute (auch so ein Fremdwort) sind Beifügungen zu Hauptwörtern. Bestehen diese Beifügungen aus mehreren Wörtern, werden sie zu Attributketten, wie die kursive Stelle im folgenden Beispiel: «eine spannende, bezüglich ihrer Folgen aber noch nicht abschätzbare und daher riskante Unternehmung». Solche Attributtketten ziehen Sätze in die Länge und erschweren die Zuordnung, weil sie sich zwischen Artikel («eine») und Hauptwort («Unternehmung») einfügen. Das Gleiche gilt für verschachtelte Sätze und Klammersätze. 

 

 

Verständlichkeitskiller 4: fehlende Gliederung oder Überstrukturierung

Beide verstossen gegen das Ordnungskriterium. Beispiele: Texte ohne Gliederung haben keine Titel, keine Absätze, zu wenig Zeilenabstand, keine Nummerierungen. Sie kranken an fehlenden oder falschen Satzzeichen. Überstrukturierte Texte beginnen nach jedem Satz einen neuen Abschnitt. Lauftext wird ständig durch Anführungspunkte unterbrochen und die Kapitelunterteilung ist zu tief: Kap. 2.1.1.1.1.3, Kap. 2.1.1.1.1.4 usw.

 

 

  

Verständlichkeitskiller 5: ungenügende Visualisierungen

 

Abbildungen, Illustrationen oder Tabellen können einen Text bereichern. Das Verständlichkeitskonzept zählt sie zu den anregenden Zusätzen. Weniger anregend sind sie, wenn es aufgrund einer schlechten Auflösung an der Bildqualität mangelt. Wenn die Bildlegende fehlt. Wenn x- und y-Achse des Diagramms nicht angeschrieben sind. Wenn die Masseinheiten zu den Zahlenwerten fehlen. Wenn die Kontraste im Kuchendiagramm verschwinden.

 

 

Fazit

 

Verständlichkeitskiller wie die oben geschilderten haben ihre Ursache häufig in Gewohnheiten. Hat sich der Schreibende einen blumigen Sprachstil angeeignet, ist sein Text voll von Attributen und anregenden Zusätzen. Er verstösst immer wieder gegen die Prägnanzvorgabe. Andere halten sich ans Abstrakte und übertreiben es mit Strukturieren und Abkürzen. Oder man freut sich über besonders originelle Wortkreationen und merkt nicht, dass die Mehrheit sie nicht verstehen wird. In all diesen Fällen halte ich mich an zwei bewährte Empfehlungen: 1. Denke stets an den Leser; 2. Kill your darlings – auch im Schreiben.

 

Kommentare (0)

Teilen Sie uns Ihre Meinung oder Anfrage mit


Gerne ergänzen wir unsere Beiträge mit Ihren Meinungen und Kommentaren.